Hofnarrengericht

Peter Conzelmann

Ja, ist denn schon Fasnacht? Springen schon die Narren herum? Nein, natürlich nicht. Fasnacht beginnt bei uns pünktlich – und das will im Land der Bundesbahn etwas heißen! – erst am 27. Februar 2025, und damit vier Tage nach der Bundestagswahl, wenn sich bis dahin hoffentlich alle wieder beruhigt haben und in die anstehenden Zeremonien geordnet eintreten können.

Nicht beruhigt haben sich im Moment die Kommentatorinnen und Kommentatoren der Medien über die Ausfälligkeiten aus dem Munde des Noch-Bundeskanzlers. Hat der doch den Berliner Kultursenator Joe Chialo einen „Hofnarren“ und ein „Feigenblatt“ genannt. Und schon rauscht die Geißel des Rassismus-Vorwurfs durch den eh schon wahlkampfmäßig schwer malträtierten Raum.

Hat Olaf Scholz jetzt seinen Laschet-Moment? – Händereiben hie, Entsetzen da.

Verweist das Feigenblatt eindeutig auf die Bibel, Abteilung Altes Testament – die noch einigermaßen Glaubensfesten erinnern sich: da war doch was mit Adam und Eva und der verbotenen Frucht vom Baum der Erkenntnis und der anschließend einsetzenden Scham – , so weist der Hofnarr eindeutig auf eher dunkle Epochen der Geschichte. Zur Definition sei auf die noch nicht in den Händen von Elon Musk sich befindende und daher noch einigermaßen zuverlässige KI-Plattform ChatGPT verwiesen:

„Hofnarren gab es hauptsächlich während des Mittelalters und der frühen Neuzeit in Europa. Sie waren unterhaltsame Narren oder Clowns, die am Hofe von Adligen und Königen dienten. Ihre Aufgabe war es, durch humorvolle Kommentare, Witze und manchmal auch kritische Bemerkungen die Stimmung aufzulockern und das Publikum zu amüsieren.“

Ah, ja!

Aber, wir halten inne: Da wäre ja die Rolle von Joe Chialo – ach was, der gesamten Kulturszene in Deutschland ! – doch einigermaßen zutreffend beschrieben. Als ehemaliger Kulturamtsleiter einer prosperierenden Stadt im Speckgürtel rund um Stuttgart kann ich das im Wesentlichen nur bestätigen: Kultur ist die Garnierung, das Sahne-Häubchen auf dem Kuchen kommunalpolitischer Pflichtaufgabenerledigung. Kultur ist ganz offiziell sogenannte „Freiwilligkeitsleistung“. Kann, muss aber nicht! Das wurde und wird uns, nicht nur in Phasen finanzieller Konsolidierung, aber da besonders gern, beharrlich unter die Nase gerieben.

Stimmt ja auch! Was können wir Kultur-Fuzzies konkret und effektiv dazu beitragen, dass die KiTas endlich das Personal bekommen, das sie brauchen, um ihren gesetzlich festgelegten Auftrag zu erfüllen? Was, um endlich den sozialen Wohnbau voranzubringen, damit eine Krankenschwester nicht 15 Euro oder mehr für einen Quadratmeter Wohnraum bezahlen muss? Was, damit Brücken nicht zusammenbrechen, E-Auto-Infrastruktur vorankommt, Klimaschutzziele erreicht und Integrationskurse nicht in 50% der Fälle vorzeitig abgebrochen werden?

Nichts natürlich! Außer, nun ja, ab und zu kritische Bemerkungen machen, siehe oben. Da wird dann mal hier ein Kabarettist engagiert oder da eine aufmüpfige Literatin zu einer Lesung eingeladen oder dort ein kritisches Theaterstück mit jugendlichen Migranten in Szene gesetzt. Und es darf ruhig auch, wie in der Stadt im Stuttgarter Speckgürtel, an den Bauernkrieg von 1525 erinnert werden, als der „gemeine Mann“ mal zeigte, was eine frühbürgerliche Revolution ist bzw. sein könnte. Ansonsten aber erfreuen wir das Publikum mit hübschen Ausstellungen, interessanten Vorträgen, gefälliger Musik. Wir machen gute Laune, oder nennen wir es so: verbreiten Lebensfreude. Wir sorgen für den Zusammenhalt mit netten kulturellen Events zur Sommerzeit im Freien, helfen mit, wenn der Weihnachtsmarkt ein Rahmenprogramm braucht. Ernst ist das Leben, heiter die Kunst, sagte kein Geringerer als Friedrich „Fritze“ Schiller.

Zurück zum Kanzler.

Natürlich hat Olaf der Nachdenkliche, an dessen Hof griesgrämige Menschen wie Rolf Mützenich und Saskia Esken ihren Dienst tun, das mit dem Hofnarren nicht rassistisch gemeint. Kann er ja gar nicht. Denn rassistisch sind grundsätzlich, ja ontologisch gesehen ausschließlich die anderen. Es war allein auf politischer Ebene kritisch gemeint, dass einer wie Chialo, also so ein Kulturmensch, doch nur ein – nehmen wir das andere Wort: Feigenblatt sein könnte für etwas, was im Grunde dem Kulturellen diametral entgegensteht. Also nichts anderes als ein politisch gemeinter Hieb in Richtung des politischen Gegners. Wenn auch gesprochen im ganz privaten Rahmen und mit dem Sektglas in der Hand, so dass es eigentlich draußen im Land keiner hören sollte: Die CDU dekoriere sich mit einem kulturaffinen Mann afrikanischer Abstammung, der dem liberalen Flügel seiner Partei zugerechnet wird, um so ihre gefährliche Drift nach rechts zu camouflieren. Ein dreifaches Feigenblatt sozusagen.

Dass Joe Chialo ein erfahrener und gediegener Kulturmanager ist, dass er gerade in der finanziell besonders gebeutelten und an manchen Stellen durchaus dysfunktionalen Stadt Berlin einen besonders schweren Stand hat, dabei nicht immer glücklich agierte, aber dennoch einiges bewirkte, dass man ihm zutraut, im Falle eines Wahlsiegs der CDU anstelle des Ober-Kultur-Windbeutels Claudia Roth das Amt des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien zu übernehmen – geschenkt.

So jemand ist, meint das Hofnarrengericht, maximal Feigenblatt. Und Feigenblätter sind wir Kulturschaffenden, seien wir ehrlich, in diesem Land doch alle.

  • radpiratea81b2378cc

    15.2.2025, 11:55

    lieber peter,

    ein guter kommentar – den ich gerne auf seemoz gelesen hätte. :-)) lg-holger

    1. Peter Conzelmann

      15.2.2025, 12:12

      Lieber Holger,

      ich habe nichts dagegen, wenn der Beitrag auch auf seemoz erscheint. Im Gegenteil.

      Beste Grüße

      Peter

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