
Der amputierte Marx
Im zurückliegenden Bundestags-Wahlkampf tauchte Karl Marx lediglich auf den Plakaten der Marxistisch-Leninistischen Partei Deutschlands, kurz: MLPD, im öffentlichen Raum auf. Das ist eine der letzten Gruppierungen einstiger westdeutscher, streng marxistisch orientierter Parteien, in diesem Fall mit stalinistischer und maoistischer Kopfnote. Ihr in Rot gehaltenes Logo ziert neben dem klassischen Emblem aus Hammer und Sichel auch ein Buch, Zeichen für die geistig Tätigen im Verbund mit den Arbeitern und Bauern und somit Reminiszenz an ein wichtiges Umfeld ihres Entstehens und Wirkens: die deutsche Universität.
Rund 22.500 Erststimmen erhielt die MLPD bei der Bundestagswahl vom 23. Februar, der prozentuale Anteil am Gesamtergebnis muss daher mit der zweiten Nachkommastelle dargestellt werden. In der Statistik der Bundeswahlleiterin wird die MLPD zusammen mit – nur eine Auswahl – den Grauen, der Tierschutzallianz, dem Bündnis C und der DKP (ja, die gibt es auch noch) mit 0,0 % gelistet.
Marxistische Bestände kann man indessen sicherlich bei der Partei „Die Linke“, Nachfolgerin der SED, bei deren Abspaltung BSW, zumindest auch beim linken Flügel der SPD und den Jungsozialisten sowie eventuell bei den Grünen finden, so diese nicht mit der bisherigen Führungsriege der Grünen Jugend sich zu neuen linken Ufern aufgemacht haben. Mit Marx, seinem Konterfei oder Versatzstücken aus seiner Lehre, mag aber offenbar sonst niemand mehr werben.
Hat Marx uns nichts mehr zu sagen?
Doch, hat er! Allerdings in ganz unerwarteter Weise. Denn neben dem politischen Nationalökonomen Marx, dem Theoretiker der Klassengesellschaft und des Kapitals samt seiner Krisen, sowie dem historisch-materialistischen Geschichtsphilosophen und Hegel-Interpreten – in dieser Hinsicht ist er den erwähnten Linken durchaus noch präsent – gibt es einen Marx, der sich intensiv mit den außenpolitischen Fragen seiner Zeit beschäftigte. Das war mehr als Broterwerb, den der auch journalistisch tätige Marx als Korrespondent und Kommentator für Zeitungen insbesondere in Großbritannien und den USA (dort für die damals größte Zeitung de Welt, die „New York Daily Tribune“) betrieb.
Auf diesen Umstand weist der Sozialwissenschaftler Timm Graßmann in seinem neuen, im Stuttgarter Schmetterling Verlag erschienenen Buch „Marx gegen Moskau. Zur Außenpolitik der Arbeiterklasse“ hin. Graßmann, geboren 1984, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Er promovierte über Marx’ Krisentheorie und ist heute an der Edition der Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA) beteiligt. Ein ausgewiesener Kenner des Marx’schen Oeuvres also.
Graßmanns rund 220-seitige Schrift hat es in sich. In seiner Darstellung waren aktuelle außenpolitische Themen für Marx alles andere als marginal. Vielmehr, so der Autor, waren diese Themen, die sich in erster Linie um nationale Befreiungskämpfe drehten, für Marx essentiell, mehr noch: sie stehen in unmittelbaren, systemischen Zusammenhang zu seinen Vorstellungen über den Lauf der Geschichte.
Anders als für manche Mitstreiter zu seiner Zeit und auch anders als für viele seiner späteren Adepten, war der nationale Befreiungskampf für Marx keine Nebensächlichkeit, auch wenn er sich für die Zukunft eine Überwindung der Nationalstaaten vorstellte. Leidenschaftlich, hartnäckig und scharfzüngig, mit zahlreichen Publikationen und Reden auf den Kongressen der internationalen Arbeiterbewegung, setzte sich Marx daher, neben den von den Engländern unterjochten Iren, besonders für die polnische Freiheitsbewegung ein.
Anfang der 1850er Jahre bewegten ihn indessen zwei Ereignisse. Zum einen war es der Putsch Louis Napoleons, Neffe Napoleon Bonapartes und gewählter Präsident der französischen Republik, der das Parlament ausschaltete und sich zum König machte; Marx widmete ihm mit „Der achtzehnte Brumaire des Louis Napoleon“ eine seiner berühmtesten Schriften und zeichnete mit ihr das als „Bonapartismus“ bekannte, nachhaltige Bild einer autokratischen Herrschaftsform. Das andere Ereignis war der Krimkrieg, ein von 1853 bis 1856 dauernder militärischer Konflikt zwischen dem Russischen Reich und dem Osmanischen Reich, das von Frankreich und Großbritannien unterstützt wurde.
Marx, der kein Freund der türkischen Herrschaft war, erkannte jedoch im russischen Zarenreich den Aggressor, der die vermeintliche Schwäche des osmanischen Reiches (Zar Nikolaus I. prägte den Spruch vom „kranken Mann am Bosporus“) ausnützen wollte, um – wie schon seit Jahrhunderten – sein Imperium weiter auszudehnen. In diesem Fall war der Angriff beseelt von der Idee, dass niemand anderes als der Zar zu Moskau, dem so genannten „Dritten Rom“, einen Anspruch auf das ehemalige „zweite Rom“ Konstantinopel/Byzanz samt Schutzfunktion für die orthodoxe Christenheit der Region habe – und damit, als netter Nebeneffekt, auch auf freie Zufahrtswege zum Mittelmeer. Moskau sei nicht weniger als der spirituelle und politische, daher legitime Erbe des 1453 untergegangenen oströmischen Reiches.
Kleiner Hinweis an dieser Stelle: Das aktuelle russische Wappen zeigt – wie zuvor das zaristische – den Doppeladler und verweist damit sehr deutlich auf die Emblematik des oströmischen Kaiserreichs. Boris Jelzin sorgte 1993 als damaliger russischer Präsident dafür, dass der Doppeladler nach dem Untergang der Sowjetunion wieder in das Wappen aufgenommen wurde.
Was Marx im Zusammenhang mit dem Krimkrieg besonders in Rage brachte, war, dass die westlichen Verbündeten Frankreich und vor allem Großbritannien zwar nach außen hin bzw. in Reden sich auf die Seite der Angegriffenen stellten, sich aber mit praktischer, das heißt militärischer Hilfe sehr zurückhielten. In mehreren Beiträgen bezichtigte Marx diese des ihren eigenen imperialistischen Interessen geschuldeten Opportunismus. Insbesondere die britische Führung habe sich insgeheim mit der russischen Vorherrschaft in Osteuropa abgefunden, ja, einzelne Politiker von den Russen haben sich sogar kaufen lassen. Empörend fand er das britische Ansinnen, den Russen gefällig sein zu können, indem sie ihnen Malta anboten – quasi als ein Akt des Appeasements.
Marx beschäftigte sich intensiv mit russischer Geschichte, Graßmann verweist auf entsprechendes Quellen- und Literaturstudium. Marx erkannte in dem Riesenreich eine besondere, zutiefst repressive beziehungsweise, wie Marx es nannte: “asiatische“ Herrschaftsform, die mit den Entwicklungen der westeuropäischen Länder nicht kompatibel sei. Und er erkannte das imperiale Muster, mit dem aus der kleinen, ursprünglich von den Mongolen abhängigen Moskauer Herrschaft ein expansives Reich wurde, das seit Iwan dem Schrecklichen weit in den asiatischen Raum sowie an die Ostsee, ans Schwarze Meer und weiter in den Süden vorgedrungen sei. Dabei seien nicht nur zahlreiche Völker einverleibt worden, sondern auch Herrschaftsformen mit republikanischen Elementen vernichtet worden.
Zu Letzteren zählte Marx vor allem die „Rzeczpospolita“, die polnisch-litauische Adelsrepublik. Seit der so genannten „dritten polnischen Teilung“ war Polen unter die drei reaktionären Mächte Preußen, Habsburgerreich und russisches Reich aufgeteilt, so, wie auch die baltischen Staaten von der Karte verschwunden waren.
Wie Graßmann betont, setzte sich Marx Zeit seines Lebens für die Unabhängigkeit Polens ein, schon bei Abfassung des 1848 veröffentlichten „Kommunistischen Manifests“, nach der gescheiterten Revolution von 1848/49 noch mehr. Aus Marx‘ Sicht war die Rzeczpospolita – wie das vom russischen Reich aufgesogene ukrainische Hetmanat – ein vergleichsweise fortschrittliches politisches Gebilde gewesen.
Für Marx war das nicht nebensächlich. Im Gegenteil war er – anders als mancher Mitstreiter in der Internationalen Arbeiterassoziation (IAA), auch bekannt als Erste Internationale – der festen Überzeugung, dass erst in einer bürgerlichen Republik mit demokratischen Formen, mit den Elementen Volkssouveränität, Menschenrechte und Gewaltenteilung, wie sie sich im nachrevolutionären Frankreich und den USA herausbildeten, oder zumindest in Staaten mit gewissen demokratischen Grundformen eine Arbeiterklasse herausbilden könne, die schlagkräftig und die in der Lage sei, den notwendigen Prozess der Geschichte voranzubringen. Demokratie, auch und gerade in ihrer bürgerlichen Form, war in Marx‘ Augen in erster Linie politische Emanzipation. Autokratische, repressive Regime hingegen verhinderten gerade dies, ja, können unter bestimmten Umständen den revolutionären Fortschritt ganz lähmen.
Mit diesen Argumenten wurde Marx wieder und wieder vorstellig, so auch gegen prominente Exponenten in der IAA wie Pierre-Joseph Proudhon oder Michail Bakunin. Vor allem der als Anarchist bekannte, andererseits überaus panslawistisch geprägte Bakunin erkannte im Zaren sogar die Möglichkeit einer überstaatlichen, weltfriedensstiftenden Instanz, der im Unterschied zum bürgerlich-kapitalistischen Westen der Vorzug zu geben sei – so wie manche Linke heute im anti-westlichen Putin einen Erlöser vom Kapitalismus und Anti-Faschisten sehen wollen.
Graßmanns Verdienst ist es, den (außen)politischen Marx gegenüber dem ökonomischen Marx ins Licht gerückt zu haben. Und er weist deutlich auf Fehlinterpretationen des Marx’schen Oeuvres und bestimmte Haltungen zu aktuellen Ereignissen in weiten Teilen der linken Szene hin. So betonte Graßmann in einem Interview mit der „taz“:
„… Marx steht in seiner politischen Theorie quer zu dem, was viele Linke spontan annehmen. Da kommt es zum Kurzschluss: Wir studieren das „Kapital“, also ist der Hauptfeind in der Welt die führende kapitalistische Macht, die USA. Aber man darf nicht vergessen, dass es all diese reaktionären, autoritären Kräfte in der Welt gibt. Und Marx’ außenpolitisches Primat war es gewesen, gegen sie vorzugehen.“
In diesem Interview – wie auch im Buch – weist Graßmann auch darauf hin, dass eine 140-seitige Artikelserie, die Marx dem Ursprung der russischen Autokratie widmete, absichtlich nicht in die vom sowjetischen Moskau abhängige Ausgabe der Marx-Engels-Werke (MEW) aufgenommen wurde. So habe man der Öffentlichkeit nur einen halben, einen amputierten Marx präsentiert, seine bis weit ins 20. Jahrhundert hinein bekannt russlandkritische, von manchen auch „russophob“ genannte Einstellung bewusst ausgeblendet.
Graßmanns sehr prägnant und flüssig geschriebenes Buch muss vor dem Hintergrund des russischen Krieges gegen die Ukraine gelesen werden. Er gibt im taz-Interview an:
„Ich arbeite jeden Tag mit Marx-Texten und wusste schon immer, dass Russland und Polen für Marx irgendwie wichtig waren, aber auch ich konnte lange nicht richtig verstehen, was eigentlich dahintersteckt. Die russische Großinvasion vom 24. Februar 2022, die mich erschüttert hat und bis heute in Atem hält, war dahingehend augenöffnend.“
Wenn zwar nicht mit gleicher Intensität, so hat sich Marx doch auch mit der Ukraine beschäftigt, die für ihn – wie für seinen Mitstreiter Friedrich Engels – eine eigenständige, von Russland okkupierte Nation war. Kyjiw und Moskau haben, da waren die beiden sich sicher, niemals zusammengehört. Der ukrainischen Kosaken-Republik des 17. Jahrhunderts trug laut Marx ebenfalls, wie die Rzeczpospolita, demokratische Züge und wurde von Moskau zerstört.
Dies im Schlussteil seines Buches darzustellen, zeugt von Graßmanns Ansatz, die vielfach überraschende Aktualität Marx’schen Denkens für unsere heutige Zeit und die aktuellen geopolitischen Konflikte anzuzeigen.
Timm Graßmann, Marx gegen Moskau. Zur Außenpolitik der Arbeiterklasse, Schmetterling Verlag, Stuttgart 2024
„Dann ist es eben nur ein halber Marx“, ein Gespräch mit dem Marx-Experten Timm Graßmann, taz vom 11.01.2025
„Mit Marx für Waffenlieferungen?“ Ein Interview mit dem Sozialwissenschaftler Timm Graßmann über Marx‘ Haltung zu Nation und Nationalismus – und deren Anwendung auf den Ukrainekrieg; im Portal nd vom29.11.2024: https://www.nd-aktuell.de/artikel/1187168.marxologie-mit-marx-fuer-waffenlieferungen.html