Was Sie schon immer über die Ukraine wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten

Peter Conzelmann

Neulich wieder: Man sitzt zusammen in netter Runde mit ein paar Freunden. Die Gespräche drehen sich zunächst um das Übliche, Urlaubsreise, Erinnerungen an frühere Zeiten, das Zwicken in verschiedenen Gelenken. Dann wirft doch jemand etwas ein zur allgemeinen Weltlage.

Neben dem inzwischen das Meiste überlagernden Thema „Donald Trump“ kommt nach ein paar Windungen der Krieg gegen die Ukraine zu Sprache. Die Wortbeiträge werden etwas hitziger. Ist das nun zu begrüßen, was Trump mit seinen Gesprächen mit Putin macht, oder geht das in die völlig falsche Richtung? Wird es endlich zu Frieden in Europa führen, oder wird dadurch die Gefahr eines Angriffs auf andere Staaten noch steigen? Darf die US-Regierung überhaupt über die Köpfe der Europäer hinweg mit den Russen einen „Deal“ machen, bei dem es sowieso nur um ökonomische Vorteile für die USA gehe, oder müssten die Europäer nicht beteiligt werden?

Einer erhebt nun die Stimme und sagt bedeutungsschwer, man müsse die Russen doch verstehen. Da sei doch das Versprechen nach dem Untergang der Sowjetunion gewesen, die Nato nicht nach Osten zu erweitern. Oder das Aufstellen von Mittelstreckenraketen in Polen. Nicht zu vergessen Nord Stream 2: das Projekt sei den Amerikanern dermaßen ein Dorn im Auge gewesen, dass sie alle Hebel in Bewegung setzten, es zu verhindern. Und dann dieser Selenskyj: der sei doch mit Hilfe der US-Geheimdienste Präsident geworden und sowieso nur die Marionette eines Oligarchen. Es sei doch sonnenklar, dass der Bär sich wehre, wenn man ihn am Schwanz ziehe.

Ein anderer hält dagegen: Ob das, wenn es denn so überhaupt stimme, einen Angriffskrieg auf die Ukraine, ein souveränes Nachbarland, rechtfertige?

Nun, so wird erwidert, die Ukraine sei gar keine Nation, das sei ja schon immer ein Teil Russlands gewesen. Daher sei das Ganze im Prinzip eine innerrussische Angelegenheit, die uns Europäer im Grunde gar nichts angehe.

Was tun in einer solchen Situation? Aufstehen und rausgehen? Oder sarkastisch erwidern, da habe es schon mal einen gegeben, der sagte, die Österreicher seien keine Österreicher, sondern Deutsche? Dass aktuell einer sage, die Kanadier seien vielleicht Kanadier, aber eigentlich der 51. Bundesstaat der USA?

Ein alternativer Vorschlag: Man empfiehlt dem Gegenüber das Buch „Ungleiche Brüder – Russen und Ukrainer – Vom Mittelalter bis zur Gegenwart“ des Schweizer Osteuropa-Historikers Andreas Kappeler. Der emeritierte Professor an der Universität Wien erzählt und erläutert auf rund 300 Seiten profund, wie sich die beiden „Brudervölker“ über Jahrhunderte einander annäherten und voneinander entfernten, ein langanhaltendes Wechselspiel von Verflechtungen und Entflechtungen.

Das gut zu lesende Buch macht deutlich, dass jenes Annähern an Russland bis (beinahe) hin zum Aufgehen der Ukraine in einem Großrussland zum einen auf imperialistischen Bestrebungen Russlands seit Zar Iwan dem Schrecklichen zurückzuführen sei, die sich neben Mittel- und Osteuropa, vom Baltikum bis zum Schwarzen Meer, auch tief in den asiatischen Raum hinein erstreckten. Zum anderen müsse dieser Prozess vor dem Hintergrund der sehr wechselvollen Geschichte Mittel- und Osteuropas gesehen werden, vor allem im Zusammenhang mit dem untergegangenen litauisch-polnischen Reich, der Spaltung der Kirche in eine römische und eine orthodoxe Linie und den Bestrebungen der drei Großmächte Preußen, Österreich-Ungarn und Russland, diesen Raum unter sich aufzuteilen.

Kappeler rückt auf dem Gang durch die kombinierte und komplexe ukrainisch-russische Geschichte alle die Mythen zurecht, mit denen Wladimir Putin in diesen Tagen sein verbrecherisches Unternehmen der Vernichtung der Ukraine propagandistisch zu untermauern sucht, ohne dabei die Ukrainer in ihrem durchaus wechselvollen Verhalten und auch angesichts der grauenvollen Ereignisse, wie zum Beispiel die zahlreichen Pogrome der ukrainischen Nationalisten gegen die jüdische Bevölkerung, zu schonen.

Russen und Ukrainer – das ist die Geschichte einer Asymmetrie, die sich im 19. Jahrhundert zuspitzte, als der aufkommende russische Nationalismus aus den Ukrainern sogenannte „Kleinrussen“ machte – was durchaus abwertend gemeint war – ihnen den Status einer eigenständigen Nation aberkannte und als vor allem eine russische Kulturpolitik dafür sorgte, dass die ukrainische Sprache, Literatur und Kunst systematisch unterdrückt wurde.

Der vielfach auch im Westen verbreiteten Sicht, die Ukraine sei von je her ein Teil Russlands gewesen, setzt Kappeler, ohne in einen polemischen oder aggressiven Ton gegen Russland zu verfallen, sein 2023 in einer erweiterten Neuauflage erschienenes Buch entgegen.

Den Hinweis auf dieses Buch verdanke ich einem emeritierten Professor der Slawistik, der heute bedauert, sich in seinem wissenschaftlichen Leben zu wenig mit der Ukraine, ihrer Geschichte und Literatur beschäftigt zu haben. Das Buch stünde bei ihm an erster Stelle, wolle man sich erstmals und ernsthaft mit diesen Themen befassen.

Was Sie schon immer über die Ukraine wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten, Sie finden es in:

Andreas Kappeler, Ungleiche Brüder – Russen und Ukrainer – Vom Mittelalter bis zur Gegenwart, Verlag C.H.Beck, München 2023

  • Christina Herbert-Fischer

    21.3.2025, 21:01

    Danke für den Hinweis zum Buch und zu den Kleinrussen. Viele Deutsche denken immer noch, dass die ukrainische Sprache eine Art russischer Dialekt sei. Sprache ist immer ein sehr wichtiger Hinweis auf Geschichte und Identität eines Volkes. Die ukrainische Sprache unterscheidet sich vom Russischen so sehr, dass diese Völker sich nicht gegenseitig verstehen. Der Unterschied ist erheblich größer als z.B. Niederländisch zu Deutsch oder Englisch. Sprachliche Ähnlichkeiten gibt es bestenfalls zwischen Polnisch und Ukrainisch, was sich aus der wechselseitigen Geschichte beider Völker erklärt-

    1. Peter Conzelmann

      22.3.2025, 8:29

      In Kappelers Buch wird geschildert, wie das Russische Reiche im 19. Jahrhundert daran ging, die ukrainische Sprache und Literatur systematisch zu unterdrücken und phasenweise zu verbieten. In dieser Zeit kam auch der Begriff des „Kleinrussen“ auf, der anstelle des „Ukrainers“ gesetzt wurde. Ein Prozess, den allerdings auch viele Ukrainer mitmachten. Hintergrund war, dass die größeren Städte in der Ukraine – im Unterschied zum flachen Land – sehr stark russisch geprägt waren. Wer sozial aufsteigen wollte, musst sich anpassen.

      1. Christina Herbert-Fischer

        22.3.2025, 21:29

        Ich werde mir das Buch besorgen, ich kenne es noch nicht. Im Osten der Ukraine leben viele russischstämmige Ukrainer, auch auf dem Land. Bis zum Überfall vor zwei Jahren, hatten viele nicht wahrhaben wollen, dass so etwas passieren könnte. Sie waren eher russlandfreundlich eingestellt. Auch haben viele Verwandte auf der anderen Seite der Grenze. Die Stimmung nach dem Februar vor zwei Jahren hat sich geändert.
        Die russische Sprache ist nicht verboten, aber mittlerweile stark zurück gedrängt, weil viele der zweisprachigen Bürger bewusst ukrainisch sprechen, aus Enttäuschung und Wut, wahrscheinlich auch teils aus Gründen der Anpassung.

        Auf Christina Herbert-Fischer antworten Abbrechen

        Ihr Kommentar wird nach Freigabe veröffentlicht

      Auf Peter Conzelmann antworten Abbrechen

      Ihr Kommentar wird nach Freigabe veröffentlicht

    Auf Christina Herbert-Fischer antworten Abbrechen

    Ihr Kommentar wird nach Freigabe veröffentlicht

  • Ihr Kommentar wird nach Freigabe veröffentlicht