Die Baumolsche Kostenkrankeit und die kulturpolitische Zeitenwende

Peter Conzelmann

„Bald Schlussakkord am See?“ titelte der „Südkurier“ vom 27. März in seinem Kulturteil. Vor dem Hintergrund der „zugespitzten Haushaltslage“ bei der Stadt Konstanz stehe nun, so war zu lesen, auch der unlängst in „Bodensee Philharmonie“ umgetaufte Klangkörper, so wird gemutmaßt, auf der Kippe.

Redakteur Johannes Bruggaier spricht von einem „perfekten Sturm“, der sich über der renommierten Konstanzer Kultureinrichtung zusammengezogen habe. Denn neben den gravierenden finanziellen Sorgen der Stadt seien es vor allem „die immer weiter steigenden Kosten des Orchesterbetriebs“, die Ärger bei den städtischen Gremien verursachen. Außerdem gebe es „eine neue Generation Stadträte mit anderen kulturpolitischen Prioritäten“. Drei Gründe also, weswegen die „klassischen“ Kulturangebote – zu denen grundsätzlich auch das Theater und die Museen gehören – heute nicht mehr als unantastbar gelten. Auf das Orchester habe man es aber, so der Tenor, vor allem abgesehen.

Es bahnt sich, wenn man so will, in Konstanz, aber auch andernorts, eine kulturpolitische Zeitenwende an. Die alten Gewissheiten und Maßstäbe, was als Schönes zum Wahren und Guten und damit Förderungswürdigen gezählt wird und was nicht, scheinen nicht mehr zu gelten. Inzwischen drängen, Zeichen einer sich gewandelten und weiter wandelnden Gesellschaft, deutlich mehr und anders gelagerte Kulturtreibende zu den karger werdenden finanziellen Tränken. Es ist also nicht mehr allein, wie in der Vergangenheit, meist die „Sportlobby“, die der „Kulturlobby“ ans Eingemachte gehen möchte. Es kämpft nun auch, wenn man so will, Kultur gegen Kultur.

Ich möchte im Folgenden den Fokus nicht auf die finanzielle Lage der Stadt und inhaltlich auch nicht auf die gewandelten kulturpolitischen Prioritäten legen. Das sind hochspannende Themen, aber darüber ein andermal. Beschäftigen möchte ich mich mit der Vorstellung vom immer teurer werdenden Orchesterbetrieb. Eine eher trockene Materie, ich gebe es zu.

Was mich allerdings am meisten in diesem Zusammenhang überrascht, ist, dass alle immer überrascht sind, wenn sie von Kostensteigerungen bei den „klassischen“ Kultureinrichtungen erfahren. Gerade die politischen Instanzen, die sich mit dem Thema Kulturpolitik zu beschäftigen haben, Kulturausschüsse und Gemeinderäte, kommen offensichtlich und in schöner Regelmäßigkeit aus dem Staunen nicht heraus.

Dabei ist ein zentrales Problem längst wirtschaftswissenschaftlich erforscht. Es sollte allseits, in- und außerhalb der kulturpolitischen Debatte, bekannt sein, und zwar unter dem etwas blumig klingenden Namen „Baumolsche Kostenkrankheit“. Aus eigener, langjähriger Erfahrung weiß ich jedoch: Es ist – unabhängig vom Namen – wenig bis gar nicht bekannt.

Darum in aller Kürze:

Die Baumolsche Kostenkrankheit (engl. Baumol’s Cost Disease) ist ein wirtschaftstheoretisches Konzept, benannt nach dem US-amerikanischen Wirtschaftswissenschaftler William J. Baumol (1922 – 2017). Baumols Ansatz erklärt, warum die Kosten in bestimmten Sektoren der Wirtschaft – insbesondere im Dienstleistungsbereich, zu denen vor allem auch, aber nicht nur der öffentliche Dienst zählt – überproportional steigen, ohne dass es dort einen vergleichbaren Produktivitätszuwachs gibt.

In der Industrie kann die Produktivität in der Regel durch technische Innovationen gesteigert werden. Dadurch können die Löhne steigen, wobei die Produktionskosten relativ konstant bleiben und die Preise für Produkte, auch dank der Skaleneffekte bei neuen technik-basierten Produktionsmethoden, sogar sinken können. Bestes Beispiel sind Computer, die ursprünglich für Private unerschwinglich waren, mittlerweile in vielfacher Form als leistungsfähige digitale Endgeräte (Smartphones) schon in Kinderhänden sind.

In anderen Branchen, z. B. Bildung, Gesundheit und in der Kultur, ist jedoch eine Produktivitätssteigerung nur begrenzt möglich, weil in ihnen die menschliche Arbeitskraft essenziell bleibt, das heißt, nicht durch innovative Technik ersetzt werden kann. Da aber auch diese Sektoren mit den technischen Industriebranchen um Arbeitskräfte konkurrieren, müssen sie ebenfalls die Löhne erhöhen – auch wenn ihre Produktivität nicht bzw. nicht in gleichem Maße steigt. Stattdessen wird versucht, durch, teilweise massiv, steigende Preise die Kostensteigerungen zu kompensieren. Ob sich die höheren Preise in jedem Fall durchsetzen lassen, steht auf einem anderen Blatt.

Beispiele:

Eine Lehrkraft unterrichtet weiterhin eine begrenzte Anzahl von Schülern. Ein Beethoven-Quartett braucht heute genauso viele Musiker und Zeit wie vor 200 Jahren; da Musiker aber heute höhere Löhne erwarten als damals, steigen die Ticketpreise. Ärzte und Pflegekräfte können nicht durch technische Lösungen bzw. Automatisierung in dem Maße wie z. B. in der Autoindustrie oder im Maschinenbau unterstützt oder ersetzt werde, trotzdem steigen ihre Löhne – und damit die Gesundheitskosten.

Die Folgen davon sind:

Solche Dienstleistungen – also nicht nur in der Kultur! – werden über die Zeit relativ gesehen teurer als industrielle Produkte. Da dem grundsätzlich so ist, muss die öffentliche Hand als Trägerin die steigenden Kosten tragen, so sie diese Dienstleistungen weiter im Angebot haben will, oder sie muss diese Leistungen kürzen oder ganz streichen. Diskussionen über explodierende Kosten im Gesundheitsbereich sind daher eine Parallele zu den Diskussionen im Kulturbereich.

Eine weitere, oft beobachtbare Folge ist, dass Branchen mit begrenzter Produktivitätssteigerung – und ein Orchesterbetrieb ist ein Paradebeispiel dafür – außerdem dazu tendieren, unterfinanziert sein. Denn bei Kultureinrichtungen wie Theatern, Museen und Orchestern in öffentlicher Trägerschaft kommt hinzu, dass sie im Hinblick auf ihre Finanzierung von den Entscheidungen politischer Instanzen mit entsprechend langen Entscheidungswegen abhängig sind.

Fazit

Es ist daher eine kulturpolitisch verbrämte Augenwischerei, in der aktuelle Situation einer allgemeinen und dramatischen Knappheit öffentlicher Kassen einem Dienstleistungs- und somit auch einem Kulturbetrieb zu unterstellen, dass die Kostensteigerungen exorbitant seien, sofern nicht konkret nachgewiesen werden kann, dass ein solcher Betrieb bei seiner – mit dem Träger und dessen Gremien abgestimmten! – Aufgabenerfüllung (zu viel Angebot, falsches Angebot mit entsprechenden Kosten) konkrete Fehler gemacht hat. Mir ist im Fall der Bodensee Philharmonie nicht bekannt, dass das einmal überprüft wurde.

Bei einem Orchesterbetrieb, das zur Ergänzung, kommt neben der Baumolschen Kostenkrankheit speziell hinzu, dass die Personalkosten im Vergleich zu anderen Kultureinrichtungen einen relativen hohen Anteil an den Gesamtkosten haben: bis zu 90% sind übliche Werte. Der Eigenerlösanteil, also das was der Orchesterbetrieb selbst einspielt, um seine Kosten zu tragen, liegt hingegen bei lediglich rund 20%, auch das ein üblicher Wert. Man muss nicht höhere Mathematik beherrschen um zu erkennen, was eine Lohnkostensteigerung von 8%, wie zuletzt und wieder aktuell gefordert, im Hinblick auf Kostensteigerungen bedeuten würde, und was es bedeuten würde, wenn man sie durch Steigerung des Eigenerlöses decken wollte.

Das Argument übermäßiger Kostensteigerungen wurde auch in der Vergangenheit immer wieder gerne in der kulturpolitischen Debatte vorgebracht. Zu allermeist wurden jedoch Wege gefunden, wie die Finanzierung doch noch sichergestellt werden konnte, auch in Konstanz, auch bei der Bodensee Philharmonie. Nun aber haben sich die finanzpolitischen Wolken über den deutschen Kommunen dermaßen verdüstert, dass ein Ausweg kaum in Sicht zu sein scheint. Das Argument übermäßiger Kostensteigerungen ist daher jetzt mehr als nur der probate Schwarze Peter, den man in gewohnter Weise an die Kulturbetriebe weiterschieben kann, um Druck aufzubauen. Anstatt sich in erster Linie auf die kulturpolitischen Fragen zu konzentrieren, scheint man vielmehr damit den Weg ebnen zu wollen, einer einzelnen Kultureinrichtungen den Garaus zu machen. Denn neben dem auch schon zu hörenden – und ebenfalls nicht neuen – Argument, das Orchester erreiche ja „nur ein älteres, saturiertes Publikum“, ist das Argument übermäßiger Kostensteigerungen bestens dazu geeignet, populistische Ressentiments zu provozieren.

Diese neuen Töne begleiten – nicht nur in Konstanz – die kulturpolitische Zeitenwende.

  • magicale4a652b4ee

    30.3.2025, 16:13

    interessanter, manches klar machender Beitrag!

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